Sensitizing Concept
Empathie
- Tim Weiler,
- Prof. Dr. Alina Huldtgren
Zentrales Element im partizipativen Design ist die Entwicklung von Empathie zwischen allen Projektbeteiligten: zwischen Technikdesigner*innen und späteren Nutzenden bzw. anderen Stakeholdern sowie zwischen den einzelnen Mitgliedern der Forschungsteams selbst. Empathie beschreibt die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Perspektiven, Gefühle und Lebenswelten anderer Personen hineinzuversetzen und Verständnis für sie aufbauen zu können/wollen.
Empathie beschreibt die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Perspektiven, Gefühle und Lebenswelten anderer Personen hineinzuversetzen und Verständnis für sie aufbauen zu können/wollen. Im Partizipativen Design besteht jedoch häufig eine Kluft zwischen der Lebenswelt der Designer und Entwickler und den späteren Nutzer*innen sowie zwischen den Forschenden unterschiedlicher Disziplinen (Lindsay et al., 2012). Dieser „Gulf of Experience“ erschwert ein tiefes Verständnis für die Bedarfe und Kontexte der unterschiedlichen Stakeholder. Empathie bzw. empathische Beziehungen wird in diesem Zusammenhang als Brücke verstanden – als Haltung, die es ermöglicht, sich anderen Lebensrealitäten anzunähern, diese zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die tatsächlich anschlussfähig und bedeutsam sind (Ho et al., 2011). Empathie im Kontext des PD geht weit über eine kognitive Perspektivübernahme hinaus und umfasst ebenfalls affektive, soziale und ethische Dimensionen (Genç & Verma, 2024). In partizipativen Designprozessen fördert Empathie ein respektvolles Miteinander und trägt zur Gleichwertigkeit in der Interaktion bei.
Voraussetzungen der Entwicklung von Empathie sind u. A. eine gute dialogische Beziehung zwischen allen Stakeholdern sowie ein Fokus auf den affektiven Aspekten der Lebenswelt der Nutzer*innen und ebenfalls der besonderen Herausforderungen der jeweiligen Mitarbeitenden der Forschungsteams (Wright & McCarthy, 2008). Workshops, Fokusgruppen, kollaborative Aktivitäten sowie informale Begegnungen schaffen Räume, in denen empathische Beziehungen wachsen können – insbesondere dann, wenn sie auf Sensibilität, Geduld, Respekt und Offenheit beruhen.
Dabei sind folgende Aspekte zentral:
Einfühlungsvermögen und Sensibilität: Die Bereitschaft, andere Perspektiven ernsthaft zu berücksichtigen und achtsam damit umzugehen, ermöglicht ein tiefes Verständnis für die Lebenssituation und Bedürfnisse aller Beteiligten. Dies schafft die Grundlage für eine respektvolle und wirksame Zusammenarbeit.
Offenheit, Geduld und Akzeptanz für Perspektivwechsel: Der bewusste Austausch von Erfahrungen und Perspektiven stärkt das Verständnis für die Rollen und Standpunkte anderer, schafft Respekt für individuelle Beiträge und unterstützt eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Dieser Prozess erfordert u. A. Geduld in der Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven sowie die Akzeptanz auch von gegensätzlichen Positionen.
Respektvolle Kommunikation: Die Förderung einer offenen und respektvollen Kommunikationskultur, die Vorurteile abbaut und den Dialog auf Augenhöhe ermöglicht, unterstützt alle Beteiligten darin, ihre Perspektiven wertschätzend einzubringen und offen aufeinander zuzugehen.
Förderung einer reflektierten Auseinandersetzung: Der Co-Creation-Prozess bietet Raum für Selbst- und Fremdreflexion, wodurch Vorannahmen und Stereotypen hinterfragt und differenzierte Sichtweisen entwickelt werden.
Bereits in den 1990er Jahren wurde Empathic Design als Methode vorgestellt, um Produkte besser an die Bedarfe der Nutzenden anzupassen (Leonard & Rayport, 1997) und auch im Design Thinking ist Empathie Teil des prozeduralen Vorgehens. Während in diesen Ansätzen insbesondere die Beobachtung der Nutzenden im Feld als zentrale Methodik in den Vordergrund gestellt werden, messen andere Ansätze der eigenen Erfahrung im Designkontext (z. B. durch eigene Immersion oder Rollenspiele, siehe z. B. Dyrks et al., 2009) große Bedeutung zu.
Aus unserer Sicht bezieht sich Empathie als Sensitizing Concept nicht nur auf die Lebenswelt der Nutzenden, sondern betrifft alle beteiligten Stakeholder, also auch die Forschungsteams selbst. Aus unserer Sicht ist Empathie mehr als Methode: Sie ist eine ethische Haltung, die bewusst gepflegt werden muss, um nicht – wie Marsden & Wittwer (2022) warnen – naiv angewendet zu werden und unbeabsichtigt zur Exklusion beizutragen.
In HCI- und CSCW-Kontexten reicht die Bandbreite der Empathieverständnisse von emotionaler Resonanz bis zur rationalen Perspektivübernahme (Genç & Verma, 2024). Diese Vielfalt verdeutlicht, dass Empathie als Sensitizing Concept nicht starr definiert werden kann. Vielmehr entfaltet sich Empathie kontextuell (in der Beziehung, im Prozess, im Reflexionsraum) und der immer wieder neu hergestellt werden muss (im Dialog, in der Co-Kreation, im Aushalten von Differenz).
In dieser Perspektive ist Empathie weniger ein Ziel als vielmehr eine Haltung des Zuhörens, Mitfühlens und Mitdenkens, die sich in der Qualität der Zusammenarbeit widerspiegelt. Als Sensitizing Concept hilft es uns, Aufmerksamkeit auf das Wie des Miteinanders zu richten: Wie werden Perspektiven gehört? Wie wird mit Differenz umgegangen? Wie werden emotionale, soziale und kulturelle Dimensionen im Designprozess verhandelt? Damit wird Empathie zu einem Schlüsselbegriff für eine menschzentrierte, inklusive und ethisch reflektierte Gestaltungspraxis – stets offen für Revision, Kritik und Weiterentwicklung.