Praxisbeispiel
Homogen zusammengesetzte Gruppen als motivierender Faktor der Teilnehmenden
- Claudia Boscher
16.5.2025
Am Beispiel eines Forschungsprojekts zur Entwicklung eines virtuellen Ergonomietrainers für die Pflegeausbildung werden die Vorteile einer homogenen Stichprobe für Fokusgruppen bzw. Gruppeninterviews beschrieben. Es wird erläutert, warum ein homogenes Sampling sich positiv auf Gruppeninteraktionsprozesse und auf den Co-Design-Prozess auswirken kann. Der Abbau von Hemmungen, da keine Hierarchien bestehen, wird dadurch erleichtert und die Teilnehmenden sind für kritische Anmerkungen offener. Motivierend kann darüber hinaus ein gemeinsames Ziel wirken.
Entwicklung eines digitalen Trainingssystems zur Förderung ergonomischer Arbeitsweisen im Pflegebereich
Laufzeit 06/2016 bis 11/2019
Räumliches Setting Fokusgruppen an Pflegeschulen und Workshops und Trainingseinheiten an Hochschule
Zielgruppe Co-Forschende: Auszubildende für Pflege, Pflegestudierende; Forschende: Projektmitarbeitende
Herausforderung
Im Rahmen des Projekts zur Entwicklung eines virtuellen Ergonomietrainers sollten Fokusgruppen durchgeführt werden, mit dem Ziel, Erfahrungen aus der Trainingssession sowie innovative Ideen zu gewinnen. Hierbei sind zwei Herausforderung wesentlich: zum einen besteht zwischen Forschenden und Co-Forschenden (Auszubildende/Studierende) aufgrund eines möglichen Wissens- und Erfahrungsungleichgewicht häufig eine Distanz. Zum anderen bestehen ähnliche Vorbehalte zwischen Auszubildenden unterschiedlicher Semester.
Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, rekrutierten wir die Teilnehmenden der Fokusgruppen aus denselben Semestern bzw. Ausbildungsjahrgängen, so dass sie ihre Erfahrungen mit dem virtuellen Ergonomietrainer offen besprechen konnten. Um weitere Unsicherheiten auszuschließen, wurden keine Lehrpersonen einbezogen. Darüber hinaus waren wir um eine vertrauensvolle Atmosphäre bemüht, um die Diskussionsbereitschaft der Teilnehmenden weiter zu stärken und ihnen zu ermöglichen, ihre Meinungen und Interessen im co-kreativen Prozess offen zu vertreten.
Vorgehensweise
Um das Eis zu brechen, hatten wir zu Beginn eine Aufgabe vorbereitet, bei der die Co-Forschenden aus einer Vielzahl an Moderationskarten (beschriftet mit Adjektiven und Gefühlsbeschreibungen) diejenigen auswählten, die ihre Assoziation mit dem zuvor in der Trainingseinheit genutzten Ergonomietrainer-Prototypen am besten beschreibt. Die Karten konnten individuell ergänzt werden. Dies ermöglichte, dass die Teilnehmenden nicht sofort eigene Ideen einbringen mussten, sondern sich zunächst an vorgegebenen Begrifflichkeiten orientieren konnten. Die Auszubildenden stellten ihre Assoziationen zu den Karten vor, diese wurden anschließend gemeinsam geclustert. Anschließend wurde mit offenen Fragen durch die Fokusgruppe geführt.
Ergebnisse und Reflexion
Die homogene Gruppenzusammensetzung förderte eine vertrauensvolle Diskussionsatmosphäre, die es den Teilnehmenden erleichterte, sich offen über ihre Erfahrungen auszutauschen. Die Teilnehmenden kamen in einen angeregten Austausch und diskutierten motiviert über die innovativen Möglichkeiten, die eine solche Technik bietet. Der ‚Austausch unter Gleichen‘ erbrachte eine Vielzahl von Aspekten zur Weiterentwicklung des virtuellen Ergonomietrainers.
Ein weiterer Vorteil einer homogenen Zusammensetzung zeigt sich darin, dass die Diskussionen durch eine ähnliche Wissensbasis und Erfahrung getragen sind und die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe differenziert herausgearbeitet werden konnte. Die Diskussionen waren zielgerichtet und ermöglichten es, konkrete Rückmeldungen für die Verbesserung des virtuellen Ergonomietrainers zu sammeln. Die Gruppenmitglieder konnten sich besser in Perspektiven, Erfahrungen, Schwierigkeiten und Bedürfnisse der weiteren Teilnehmenden hineinversetzen und so offen und verständnisvoll diskutieren.
Der Einbezug von homogenen Gruppen beinhaltet jedoch auch methodische Herausforderungen: Wenn alle Teilnehmenden dieselben Hintergründe aufweisen, könnten neue Ideen und innovative Ansätze schwieriger identifiziert werden. Dies gilt umso mehr, wenn sich eine Meinung durch soziale Dynamiken verstärkt und sämtliche Beteiligten mit der gleichen Perspektive auf den Prototyp schauen. Dieser Effekt könnte zusätzlich verstärkt werden, wenn einzelne Gruppenmitglieder als Sprecher*innen der Gruppe auftreten aufgrund bestehender sozialer Rollenverteilung. Um dies zu vermeiden, sollten die Teilnehmenden zwar denselben Erfahrungshintergrund haben, jedoch nicht aus bereits bestehenden sozialen Gruppen zusammengesetzt sein.
Schlussfolgerung
Für uns hat sich der Einbezug von homogenen Gruppenkonstellationen bei Fokusgruppen, trotz potenzieller methodischer Nachteile, bewährt. Dennoch soll nicht vergessen werden, dass heterogene Gruppen den Vorteil haben könnten, unterschiedliche Blickwinkel zu erheben. Hilfreich kann es sein, homogen zusammengesetzte und heterogen zusammengesetzte Gruppen alternierend einzubeziehen. Grundsätzlich zeigen sich Fokusgruppen als geeignete Methode, nutzbares und wertvolles Feedback sowie innovative Ansätze von Co-Forschenden zu erhalten, wenn soziale Interaktion zugelassen bzw. gefördert wird und die Durchführung nicht nur als Frage-Antwort-Spiel gestaltet ist.
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