Sensitizing Concept
Erwartungen
- Prof. Dr. Alina Huldtgren
Die Erwartungen der verschiedenen Akteure eines partizipativen Designprozesses unterscheiden sich deutlich: dies gilt sowohl für die Forschenden in einem disziplinären Projektteam als auch für die verschiedenen einbezogenen Stakeholder. Der Erfolg des partizipativen Prozesses hängt davon ab, die Erwartungen der verschiedenen Beteiligten kontinuierlich offenzulegen, im Prozess zu berücksichtigen und mit den gemeinsam formulierten Projektzielen abzugleichen.
In der Kollaboration zwischen Forschenden und Co-Forschenden einerseits und der Kollaboration der verschiedenen involvierten Forschenden untereinander spielt das Management von Erwartungen der Beteiligten eine kritische Rolle, um die Effektivität und den Erfolg des Projektes sicherzustellen (Mey & van Hoven, 2019). Ein zentraler Aspekt von partizipativen Forschungs- und Designansätzen ist die Kollaboration auf Augenhöhe und das möglichst gleichberechtigte Mitwirken aller Beteiligten. Es ist davon auszugehen, dass die Teilnahme der verschiedenen Gruppen aus sehr unterschiedlichen Beweggründen herrührt und mit vielfältigen Motiven hinterlegt ist (z.B. Marzi, Klapperich & Huldtgren, 2023) und daher auch verschiedene Erwartungen an den Prozess und das Ergebnis des Projekts bestehen. Unausgesprochene Erwartungen zu Beginn, z.B. an die Projektkoordination oder an die Vorgaben der einzelnen Disziplinen, können die Mitarbeit anderer Disziplinen oder die Bereitschaft der Co-Forschenden mitzuwirken, beeinflussen und zu Enttäuschungen und/oder Friktionen im Forschungsprozess führen. Z.B. könnten partizipativ Forschende davon ausgehen, dass Co-Forschende das Projekt aktiver voranbringen oder sich stärker einbringen als diese dies tatsächlich tun. Von daher ist es wichtig, von Beginn an, den Co-Forschenden deutlich zu kommunizieren, was sie von der Teilnahme am Projekt sowie dessen Ergebnissen erwarten können.
Gerade bei Projekten im Gesundheitsbereich ist es sehr wichtig, das Co-Forschende, die sich u.U. durch ihre Teilnahme am Prozess Zugang zu neuen Therapien oder Behandlungserfolge versprechen. Da die Forschung allerdings dem (erprobten / validierten) Einsatz einer technischen Anwendung weit vorausgeht, und oftmals auch risikobehaftet ist, kann in den meisten Fällen nicht gewährleistet werden, dass Co-Forschende direkt gesundheitlich vom zu entwickelnden System profitieren.
Weiterhin können Erwartungen sich im Projektverlauf durch das gegenseitige Lernen voneinander ändern, weshalb ein kontinuierliches Management der Erwartungen nötig ist. Auch für die Zeit nach Projektende ist wichtig, inwieweit eine echte Veränderung (z.B. Einsatz der entwickelnden Produkte, Markfähigkeit, Änderung von Prozessen) aufgrund der vorhandenen Ressourcen gegeben ist.
Unterschiedliche Erwartungen an die Ergebnisse des Projektes gibt es nicht nur bei allen Beteiligten im Entwicklungsprozess, sondern auch von Seiten der Fördergeber und Projektträger. Gerade hier kommt es zu dem Dilemma, dass im Antrag auf Förderung der Umfang und die angestrebten Ergebnisse des Projektes klar dargestellt werden müssen und der Fördergeber klare Erwartungen an die Projektergebnisse ableitet (im Sinne von technischen Umsetzungen / Demonstratoren mit bestimmten Funktionen, aber auch bezogen auf Publikationen, entwickelte Frameworks usw.). Jedoch verlaufen gerade partizipative Designprozesse zumeist nicht geradlinig: sind die teilnehmenden Co-Forschenden bei der Antragstellung nicht beteiligt, können deren Erwartungen an die Ziele des Projekts erst nach Start des Prozesses berücksichtigt werden, was in einem partizipativen Prozess zur Modifikation der Projektziele führen kann und dies wiederum zur Folge haben kann, dass bei abweichenden Ergebnissen die Erwartungen der Fördergeber nicht erfüllt werden. Auch hier sind mögliche Friktionen von Beginn an mitzudenken.
Erwartungsmanagement bezeichnet also den Prozess, Erwartungen zu identifizieren, gegenseitig abzuklären und zu kommunizieren, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten realistische und übereinstimmende Vorstellungen über den partizipativen Prozess oder das Ergebnis haben. Das Ziel ist es dabei, Missverständnisse, Enttäuschungen oder Konflikte zu vermeiden und eine „harmonische Bündelung“ aller Kräfte in Richtung des Projekterfolgs zu erreichen.
Transparente Kommunikation: Frühzeitige und klare Vermittlung von Möglichkeiten, Grenzen und Zielen, die für die Co-Forschenden verständlich ist.
Realistische Zielsetzung: Vermeidung von überhöhten oder unklaren Erwartungen durch dialogischen Austausch und eine präzise Formulierung von Ergebnissen.
Kontinuierliche Abstimmung: Regelmäßige Updates, Zurückspielen von (Zwischen-) Ergebnissen durch die Forschenden und Anpassungen, um Erwartungen an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen.