CoCre-HIT Kompendium

Sensitizing Concept

Vertrauen

  • Claudia Boscher,
  • Tim Weiler

Vertrauen ist das Fundament gelungener Co-Creation – besonders in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen. Doch wie entsteht Vertrauen zwischen Entwickler*innen, Fachkräften und Nutzer*innen? Das Sensitizing Concept beleuchtet die Dynamiken des Vertrauens im Partizipativen Design, zeigt zentrale Erfolgsfaktoren und reflektiert, warum Vertrauen nicht nur Voraussetzung, sondern auch Ergebnis gelungener Zusammenarbeit ist.

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Vertrauen ist ein dynamischer, relationaler Prozess, durch den Individuen oder Gruppen ein Gefühl von Sicherheit, Verlässlichkeit und gegenseitiger Anerkennung entwickeln. Vertrauen entsteht nicht spontan, sondern basiert auf wiederholten positiven Interaktionen, konsistenter Kommunikation sowie dem Erleben und der Wertschätzung von Integrität und Kompetenz der beteiligten Akteur*innen. Vertrauen ist kontextabhängig und muss insbesondere in kollaborativen Prozessen fortlaufend gepflegt, geprüft und unter Umständen auch wiederhergestellt werden (Armstrong et al., 2023). In partizipativen Gestaltungsprozessen spielt Vertrauen eine Schlüsselrolle, da es Offenheit, Engagement und nachhaltige Zusammenarbeit ermöglicht – selbst unter Unsicherheit oder bei bestehenden Machtasymmetrien.

Insbesondere im Gesundheitswesen ist Vertrauen zwischen Entwickler*innen, Gesundheitsfachkräften, Patient*innen und weiteren Beteiligten essenziell (Kernebeck et al., 2024). Durch eine konsequente Einbeziehung aller Beteiligten entstehen technologische Lösungen, die stärker auf reale Bedarfe zugeschnitten und somit akzeptierter sind. Ein tragfähiges Vertrauensverhältnis erleichtert den offenen Austausch von Ideen, fördert langfristige Bindung und erhöht die Innovationskraft von Projekten (Wong-Villacres et al., 2021; Diep et al., 2022).

Zhang et al. (2022) betonen zudem die Rolle von Vertrauen als infrastrukturelle Grundlage für soziale Innovationen. Demgemäß ist Vertrauen nicht nur ein Beziehungselement. Vielmehr ermöglicht ein starkes Vertrauensfundament über institutionelle Grenzen hinweg zu agieren, neue soziale Beziehungen zu knüpfen und kreative Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Dabei entstehen sogenannte „relational commons“ – geteilte Räume kollektiven Handelns, die durch Vertrauen zusammengehalten werden.

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass Vertrauen nie selbstverständlich ist. Armstrong et al. (2023) differenzieren zwischen unkritischem Vertrauen, das auf früheren positiven Erfahrungen basiert, und kritischem Vertrauen, das durch Skepsis und bewusste Prüfung geprägt ist. Diese Form des „Vertrauens auf Probe“ kann in frühen Projektphasen durchaus produktiv sein, da sie Machtasymmetrien sichtbar macht und zu mehr Verantwortungsübernahme seitens der Projektverantwortlichen führen kann.

Vertrauen ist also ein vielschichtiger, kontinuierlicher Prozess. Er erfordert strukturelle Verlässlichkeit, empathische Kommunikation, institutionelle Reflexion und vor allem: Zeit. Es entsteht also nicht nur durch technische Kompetenz oder freundliche Kommunikation, sondern durch eine dauerhafte, reflektierte Beziehungsgestaltung. Dies beinhaltet auch die bewusste Auseinandersetzung mit Kontext, Geschichte und strukturellen Bedingungen – Aspekte, die insbesondere in Projekten mit marginalisierten Gruppen berücksichtigt werden müssen (Wong-Villacres et al., 2021; Diep et al., 2022). Wird Vertrauen erfolgreich aufgebaut, schafft es die Grundlage für partizipative Zusammenarbeit auf Augenhöhe, stärkt soziale Innovationsfähigkeit und trägt zur nachhaltigen Verankerung entwickelter Lösungen bei.

Der Aufbau von Vertrauen in PD-Prozessen verlangt eine bewusste und sensible Gestaltung des Settings:

Offenheit und Transparenz: in Bezug auf Ziele, Entscheidungsprozesse und Zuständigkeiten stärken das Vertrauen in die Projektführung und fördern Mitbestimmung (Armstrong et al., 2023).

Verlässlichkeit und Konsistenz: sind fundamentale Bausteine. Regelmäßige, transparente Kommunikation und eine vorhersehbare Projektstruktur vermitteln Sicherheit (Kernebeck et al., 2024).

Sensibilität und Anpassungsfähigkeit: gegenüber individuellen Einschränkungen und Bedürfnissen – etwa durch angepasste Kommunikationswege – sind besonders im Gesundheitskontext unverzichtbar.

Die Einbindung vertrauter Bezugspersonen: kann bestehendes Vertrauen nutzen und dabei helfen, Kommunikationsbarrieren zu überwinden.

Zeit: ist ein zentraler Faktor. Vertrauen in vulnerablen Zielgruppen entwickelt sich nicht sofort, sondern muss über wiederholte Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse wachsen (Gilfoyle et al., 2024).

Ein sicherer Raum für Austausch: ist notwendig, um Teilnehmenden zu ermöglichen, Bedenken und Ideen frei zu äußern. Respekt, Datenschutz und Gewissheit, vor negativen Konsequenzen geschützt zu sein, sind hier entscheidend.

Langfristige Beziehungspflege: , z.B. durch kontinuierliche Zusammenarbeit über die Projektlaufzeit hinaus, stabilisiert das Vertrauensverhältnis nachhaltig (Armstrong et al., 2023).

Literatur

Verwandte Konzepte

Praxisbeispiele zu "Vertrauen"

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