Praxisbeispiel
Die Einbeziehung von Gatekeepern in die partizipative IT-Forschung mit kognitiv eingeschränkten Menschen
- Claudia Boscher,
- Johannes Steinle
30.4.2025
In einem Forschungsprojekt sollten Chancen und Barrieren beim Einsatz von AAL-Technologien in der Behindertenhilfe untersucht werden. Dazu war es notwendig, das Lebens- und Wohnumfeld von Menschen mit kognitiven Einschränkungen - einer besonders vulnerablen Zielgruppe - zu betreten. Um valide Daten zu gewinnen, war eine sensible Herangehensweise erforderlich. Um diese Zielgruppe zur Mitarbeit an dem Projekt zu gewinnen, war es nötig, sowohl ihr Vertrauen als auch das Vertrauen ihrer Betreuenden zu gewinnen. Ohne die Einbindung und Mitarbeit dieser Gatekeeper ist eine solche Untersuchung nicht durchführbar. Dies ist herausfordernd, denn die Forschenden mussten mit einer eher technikkritischen Haltung der Gatekeeper rechnen.
Das Ziel des Forschungsprojektes war es, Chancen und Barrieren beim Einsatz von AAL-Technologien zu identifizieren und die Technologien einer nachhaltigen Nutzung zu überführen. Das Ziel bestand darin, die Lebensqualität und soziale Teilhabe von verschiedenen Zielgruppen (ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen) zu fördern. Um die Autonomie der Nutzenden zu stärken, indem das Eintreten von Assistenzbedarf bei den Zielgruppen so lange wie möglich hinausgezögert wird.
Laufzeit 11/2016 bis 06/2021
Räumliches Setting Stationäre Einrichtung für Menschen mit Behinderung.
Zielgruppe Co-Forschende: Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Mitarbeitende der Wohngruppe, Forschende: Projektmitarbeitende
Herausforderung
Die Entwicklung und Implementierung von technologischen Unterstützungsangeboten für vulnerable Personengruppen (hier Menschen mit kognitiven Einschränkungen) konfrontiert uns mit drei Kernherausforderungen:
- Vertrauensaufbau: Grundlegend für fundierte Bedarfsanalysen ist der Vertrauensaufbau zwischen Forschenden und Co-forschenden, denn nur auf Basis einer vertrauensvollen Beziehung können bestehende Probleme offen thematisiert werden. Als Co-Forschende in einer Untersuchung von kognitiv eingeschränkten Menschen sind vor allem die Betreuungskräfte (Gatekeeper) relevant. Der Vertrauensaufbau mit ihnen ist deshalb besonders wichtig, weil die Forschenden in dieser Studie den persönlichen Lebensraum der Menschen mit Behinderungen betreten, was die Gefahr von Intimitätsverletzungen beinhaltet und davon auszugehen ist, dass die Betroffenen sich aufgrund ihrer kognitiven Einschränkung erschwer abgrenzen und schützen können als andere Zielgruppen.
- Hawethorne-Effekt: Des Weiteren besteht bei Beobachtungsstudien die Gefahr, dass die Beobachtung in der Studiensituation von der üblichen Handlung im Alltag abweicht, da sich Co-Forschende „unter Beobachtung“ besonders anstrengen, um zu zeigen, wie gut sie die Technik beherrschen (Hawethorne-Effekt). Deshalb können so alltäglich bestehende Bedarfe und Barrieren nicht erkannt werden.
- Gatekeeper: Ferner erfordert die Kommunikation mit kognitiv eingeschränkten Personen spezifische methodische Ansätze. Die Forschenden sind besonders stark auf die Mitarbeit der Gatekeeper angewiesen, die den Kontakt zu der vulnerablen Personengruppe herstellen. Betreuungskräfte in der Behindertenhilfe sind erfahrungsgemäß zunächst eher technikkritisch und beeinflussen leicht die Technikakzeptanz der eigentlichen Zielgruppe. Dies muss bei der partizipativen Einbindung dieser Personengruppe mitberücksichtigt werden.
Vorgehensweise
Die Untersuchung fand im langzeitstationären Setting einer Einrichtung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen statt. Bevor wir mit der empirischen Erhebung starten konnten, benötigten wir (neben dem in Forschungsprozessen üblichen Ethikvotum und der grundsätzlichen Klärung des Datenschutzes) die Zustimmung der Mitarbeitendenvertretung ebenso wie die des Heimbeirats. Zudem mussten in vielen Fällen gesetzliche Vertreter*innen der Bewohner*innen einwilligen. Empfehlenswert ist es, dass sich die Forschenden im Vorfeld einer solchen Untersuchung persönlich in der ausgewählten Wohngruppe vorstellen und ihre Interessen offenlegen. In unserem Fall war dies aufgrund der weiten Entfernung leider nicht möglich, vielmehr mussten wir die Mitarbeitenden der Wohngruppe und der Einrichtung (Gatekeeper) gewinnen, um das Vertrauen in der Wohngruppe und zu den Angehörigen der Betroffenen herzustellen. Dies war möglich. Weil wir die Einrichtung und einzubindenden Betreuungskräfte Als Vorteil der vermittelnden Funktion der Wohngruppen-Mitarbeitenden ist festzuhalten werden, dass zwischen diesen und den Bewohner*innen ein intensives Vertrauensverhältnis besteht, das wir durch eine einmalige Vorstellung unsererseits nicht erreicht hätten.
Die Studie selbst bestand
(a) aus einer teilnehmenden Beobachtung in einer Wohngruppe der kognitiv beeinträchtigen Personen. Dort nahmen wir am Alltag der Bewohner*innen teil und machten Feldnotizen unserer Beobachtungen in Bezug auf deren Techniknutzung.
(b) Direkte Interviews mit den kognitiv eingeschränkten Personen gestalteten sich schwierig: Mit einigen Bewohner*innen kamen wir schnell in Kontakt, andere schienen uns gegenüber eher skeptisch eingestellt. Jedoch war es kaum möglich, ungefiltertes Feedback von den Nutzenden zu erhalten, da die Kommunikation aufgrund der kognitiven Einschränkungen (z. B. Sprachbarriere, Hörbehinderung) manchmal ohne „Übersetzung“ und Hilfe der Mitarbeitenden nicht möglich war. Insofern war es äußerst hilfreich, dass wir die Mitarbeitenden als Co-Forschende in die Studie einbinden konnten. Die Mitarbeitenden konnten die Bedarfe häufig gut einordnen und konnten die Häufigkeit der Nutzung der AAL-Technologien gut abschätzen. Jedoch muss bei der Auswertung und Interpretation der Daten berücksichtigt werden, dass die Informationen nicht von den Betroffenen selbst, sondern den einbezogenen Gatekeepern stammen.
Ergebnisse und Reflexion
Zur Durchführung einer solchen Studie ist der Aufbau von Vertrauen mit den Bewohner*innen der Wohngruppe essenziell, da wir sie in ihrem privaten Umfeld beobachten und befragen wollten. Ohne ihr Vertrauen wäre es kaum möglich gewesen, offene und ehrliche Einblicke in ihre Bedürfnisse und Herausforderungen zu gewinnen. Die Einbindung der Betreuenden als Co-Forscher einer solchen Studie ist unabdingbar. Sie konnten durch ihr bestehendes Vertrauensverhältnis die Hemmschwelle für die Bewohner*innen senken und unsere eigenen Unsicherheiten abbauen.
Zu beachten ist jedoch auch, dass die enge Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden die Gefahr birgt, dass Bewohner*innen nur gehemmt ihre eigenen Bedürfnisse äußern, weil sie vielleicht die Verantwortung an die Mitarbeitenden übergeben oder dass die Gespräche mit den Bewohner*innen durch die Betreuungspersonen beeinflusst werden.
Zu beachten ist weiterhin, dass die Aussagen der co-forschenden Gatekeeper natürlich auch deren Einstellungen und Meinungen repräsentieren, bei einer Studie über die Nutzung von AAL-Technologien muss die Technikeinstellung der Gatekeeper als möglicher Bias der Ergebnisse berücksichtigt werden.
Schlussfolgerung
Die Essenz unserer Erfahrung aus der Hospitation und Learnings für den gelingenden Vertrauensaufbau
- Hospitationen: Hospitationen kosten enorm viel Zeit, sind jedoch äußerst hilfreich, um das Feld und die Zielgruppe kennenzulernen sowie im Zuge dessen den Lebensalltag sowie damit einhergehende Anforderungen an Technologie zu erfassen. Insbesondere bei vulnerablen Zielgruppen (z.B. Personen mit Kommunikationsschwierigkeiten) sind die Bedarfe in kurzer Zeit nicht unmittelbar greifbar, es sollten mehrere Besuche eingeplant werden. Daran muss schon in der Antragsphase gedacht werden. Dabei sind mehrere Besuche allein deshalb nötig, da Vertrauensaufbau Zeit erfordert. Je nach Untersuchungsgegenstand gewinnt dies an Relevanz.
- Vertraute Bezugspersonen: Der Vertrauensaufbau gelingt leichter, wenn Forschende bereits Erfahrung mit der spezifischen Zielgruppe haben und deren Bedürfnisse sensibel einordnen können. Falls dies nicht der Fall ist, ist umso mehr die Einbindung der jeweiligen Gatekeeper erforderlich. Als vertraute Bezugspersonen können sie die Hospitation der Forschenden begleiten. Sie können ebenfalls die Aussagen der kognitiv eingeschränkten Bewohner „übersetzen“ und Missverständnisse vermeiden. Schließlich können sie ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einbringen und sind damit auch für die Ermittlung der Anforderungen und Bedarfe der Betroffenen wichtig.
- Soziale Kompetenzen: Sozialwissenschaftliche Expertise ist nicht alles. Soziale Kompetenzen wie Gespräche auf Augenhöhe, Empathie, Geduld und Toleranz sind ebenso wichtig.
Insgesamt war die Erfahrung dieser Beobachtungsstudie bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen für die Bedarfserfassung von AAL-Technologien in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung herausfordernd, aber äußerst lohnend. Wir haben gelernt, wie wichtig der Vertrauensaufbau mit den Betroffenen und deren Betreuern ist und wir haben erfahren, dass die Einbindung der Betreuer als Co-Forschende in die Studie ein wichtiger Schritt in Richtung eines partizipativen Forschungsdesigns ist – insbesondere dann, wenn die direkte Einbindung der Betroffenen kaum – oder nur eingeschränkt – möglich ist.
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