Praxisbeispiel
Soziale Events zur Stärkung interdisziplinärer Zusammenarbeit in großen Projektverbünden
- Tim Weiler
28.4.2025
Projektübergreifende Zusammenarbeit – im vorliegenden Fall von deutschlandweit verteilten Projektbeteiligten – bedarf unterschiedlicher Methoden, um das gegenseitige Kennenlernen und den Aufbau von Vertrauen zu unterstützen. Ein Ansatz zur Förderung einer vertrauensvollen Zusammenarbeit (Networking & Community-Building) sind gemeinsame soziale Veranstaltungen und Präsenz-Treffen. In unserem Beispiel konnten Hemmnisse für einen offenen Austausch, die anfangs in Online-Formaten auftraten, durch den persönlichen Austausch reduziert werden. Das Zusammenspiel aus formellen und informellen Veranstaltungen – in Präsenz und Digital – unterstützt den Aufbau eines gemeinsamen gedanklichen Möglichkeitsraums.
Das CoCre-HIT-Team hat ein zentrales Ziel: Das Forschungsfeld weiterzuentwickeln und vor diesem Hintergrund die Verbundprojekte der Förderlinie „Hybride Interaktionssysteme zur Aufrechterhaltung der Gesundheit auch in Ausnahmesituationen“ in Ihren Forschungsvorhaben zu begleiten und miteinander zu vernetzen. Dafür haben die Wissenschaftler*(1innen die Herausforderungen und Erfahrungen aus der Praxis partizipativer Forschung in verschiedenen Formaten wie Interviews und Forschungswerkstätten gesammelt und durch die Überführung in praxisbasierte Geschichten greifbar gemacht. Zusätzlich fördern sie den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis und betreiben aktive Wissenschaftskommunikation.
Laufzeit 11/2021 bis 07/2025
Räumliches Setting Deutschlandweit. Im großen Maßstab.
Zielgruppe Mitarbeitende partizipativer Forschungsprojekte im Gesundheitswesen; Verbundprojekte, versch. Disziplinen und Unternehmen
Herausforderung
In großen interdisziplinären (räumlich getrennten) Kooperationsverbünden mit vielen beteiligten Akteur*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Unternehmen stellt sich früh die Frage, wie ein produktiver, offener Arbeitsmodus entstehen kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich die Beteiligten zunächst weder persönlich kennen noch eine gemeinsame Sprache oder Verständigungspraxis entwickelt haben.
- Zentrale Voraussetzung dafür ist aus unserer Sicht, dass sich die Beteiligten kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen und Gemeinsamkeiten erkennen, um inhaltlich weitreichende Abstimmungen und adäquate Formen von Kooperation. Daraus ergibt sich als Herausforderung: Wie können Räume geschaffen werden, in denen sich Mitarbeitende verschiedener Verbundprojekte informell begegnen, Erfahrungen austauschen und sich über Herausforderungen, Arbeitsweisen oder Ergebnisse verständigen können?
- Wie kann dies gelingen, wenn die beteiligten Projekte geographisch weit verteilt und sich pandemiebedingt zunächst ausschließlich online treffen können?
- Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass die beteiligten Verbundprojekte zwar innerhalb eines gemeinsamen Förderrahmens arbeiten, aber teilweise auch in potenzieller Konkurrenz zueinanderstehen, z.B. im Hinblick auf Verwertungsperspektiven.
Die zentrale Herausforderung lautete daher: Wie lässt sich unter diesen Bedingungen ein Mindestmaß an Vertrauen und Offenheit schaffen – ohne physische Präsenz, ohne bestehende persönliche Beziehungen und unter Bedingungen potenzieller Konkurrenz?
Vorgehensweise
Unser Lösungsansatz bestand in der Anreicherung (digitaler) Austauschformate mit sozialen bzw. informellen Elementen, um gezielt niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten zu schaffen. Diese informellen Formate sollten kein Ersatz für vertiefte Kooperation sein, sondern Räume eröffnen, in denen sich Beteiligte begegnen, wiedererkennen und Gemeinsamkeiten entdecken können.
Zu den eingesetzten Maßnahmen gehörten unter anderem:
- ein Vernetzungs-Miroboard, auf dem die Verbindungen und Anknüpfungspunkte zwischen den Mitarbeitenden der gesamten Förderlinie sichtbar gemacht wurden,
- ein gemeinsames Online-Kochevent zur Förderung informeller Gespräche,
- vielfältige Austauschmöglichkeiten in kleineren Breakout-Gruppen während der Forschungswerkstätten sowie
- soziale Aktivitäten während der Vernetzungssymposien, wie etwa "Walkshops" (spazierende Workshops in Kleingruppen) und ein gemeinsamer Abendempfang mit Dartspielen, Essen und Trinken.
Diese informellen Formate wurden bewusst nicht als methodisch-strategische Interventionen eingeführt, sondern als Schaffung vom Begegnungsräumen mit der Einladung zum Austausch – ohne Beteiligungsdruck. Es war uns bewusst, dass nicht alle Mitarbeitende diese Angebote gleichermaßen annehmen würden. Manche Formate stießen nur bei einem Teil der Beteiligten auf Interesse, andere wurden eher beobachtend begleitet.
Ein weiterer Schritt war, in den informellen Online-Treffen auch Kommunikationshemmnisse und potenzielle Spannungen direkt anzusprechen. Durch Moderation und die Betonung gemeinsamer Ziele („Wir alle arbeiten an der Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Deutschland“) zielten wir auf eine Perspektivverschiebung von potenzieller Konkurrenz hin zur Kollaboration ab.
Ergebnisse und Reflexion
Die beobachteten Effekte waren nicht eindeutig – was bei Maßnahmen dieser Art nicht überrascht. Während einzelne Personen aktiv in Kontakt traten und die Veranstaltungen zum Austausch nutzten, blieben andere weiterhin zurückhaltend. Besonders dort, wo persönliche Beziehungen bereits vor dem Projekt bestanden, funktionierte die Vernetzung erwartungsgemäß schneller.
Gleichzeitig wurde in persönlichen Gesprächen deutlich, dass das Gefühl, andere "wenigstens mal gesehen zu haben", einen Unterschied machte – insbesondere bei späteren Online-Arbeitstreffen. Einzelne Rückmeldungen wie „Oh, hier kenne ich ja bereits alle!“ signalisierten, dass informelle Begegnungen Anknüpfungspunkte schaffen konnten, die über fachliche Gemeinsamkeiten hinausgingen.
Unser Projekt zeigt, dass Vertrauen in verteilten, potenziell konkurrierenden Settings nicht vorausgesetzt werden kann, sondern gezielt unterstützt werden muss. Dabei kommt dem informellen Austausch eine wichtige Rolle zu – nicht als Selbstzweck, sondern als soziale Voraussetzung für spätere Verständigung.
Schlussfolgerung
Die gezielte Kombination aus formellen und informellen Formaten kann helfen, soziale Distanzen in interdisziplinären Projektkontexten abzubauen – sofern sie realistisch konzipiert und kontextsensibel durchgeführt werden. Soziale Events allein können strukturellen Spannungen nicht aufheben, sie können aber Möglichkeiten zur Begegnung schaffen, in denen Vertrauen entstehen kann. Für zukünftige interdisziplinäre Projekte empfehlen wir:
- Informelle Begegnungen frühzeitig mitzudenken – auch wenn sie nicht alle gleichermaßen erreichen
- persönliche Treffen als essenzielle Ergänzung digitaler Formate zu betrachten – wo immer möglich
- und die Annahme zu vermeiden, dass Vertrauen und Offenheit automatisch entstehen.
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