Praxisbeispiel
Interdisziplinarität braucht kommunikative Räume des Austauschs
- Cordula Endter,
- Angela Osterheider
31.5.2025
Zusammenarbeit in Projektkonsortien im Bereich der partizipativen Technikentwicklung ist idealerweise geprägt durch verschiedene disziplinäre und professionelle Perspektiven. Doch wie kann Zusammenarbeit und insbesondere Kommunikation und Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen und Professionen gelingen? Während eines Konsortialtreffens wurde ein World Café als Erprobung eines partizipativen Dialogformats durchgeführt: mit überraschendem Effekt.
(1) Gemeinsam mit Expert*innen aus den Bereichen Co-Creation, Gesundheit, Gerontologie und Pflege widmet sich das Begleitforschungs-Projekt CoCre-HIT der Anwendung von partizipativen und Co-Creation-Methoden in der Entwicklung von Technologien im Kontext der gesundheitlichen Versorgung. Besonders im Bereich Digital Health sind Co-Creation-Prozesse von grundlegender Bedeutung, um eine menschzentrierte Gestaltung von Technologien und Dienstleistungen zu ermöglichen. Das CoCre-HIT Konsortium möchte gemeinsam mit anderen Forschenden die Anwendung von Beteiligungsansätzen und Methoden der Co-Creation bei der Entwicklung hybrider Interaktionstechnologien im Gesundheits- und Pflegebereich fördern und kontextualisieren.
(2) Im Projekt soll ein hybrides Interaktionsformat entwickelt werden, das die logopädische Therapie nach Schlaganfall ergänzen soll. Das Therapiesystem soll sowohl für die Präsenz- und Videotherapie als auch für das Eigentraining nutzbar sein. Eingebunden werden innovative Elemente wie beispielsweise die automatisierte Auswertung von Audio- und Videosignalen für ein individualisiertes Feedback in der Übungssituation.
Laufzeit 2022 bis 2025
Räumliches Setting Halbjährliches Konsortialtreffen
Zielgruppe Projektpartner*innen
Herausforderung
Auch wenn die Projektpartner bereits mehrere Monate zusammengearbeitet haben und verschiedene Entwicklungsphasen im Projekt bereits durchschritten sind, wie zum Beispiel die Anforderungsanalyse, bestehen häufig immer noch sehr spezifische, zum Teil disziplinär verankerte Vorstellungen hinsichtlich des Projektziels, die die Zusammenarbeit erschweren.
Vorgehensweise
Im Rahmen eines Konsortialtreffens des Verbundprojekts HiSSS konnten wir, die Autorinnen und Mitglieder des Begleitforschungsprojekts CoCre-HIT, dem Treffen beiwohnen. Als unseren Beitrag zu dem Treffen organisierten wir ein World-Café mit dem Thema „Gegenseitige Erwartungen an die geplante technische Entwicklung“. Die Tische waren jeweils mit eine*r Vertreter*in des jeweiligen Projektpartners besetzt. Ziel war es, dass sich nicht nur die unterschiedlichen Vertretenden kennenlernen und austauschen, sondern dass sie ihre Erwartungen, Bedarfe und Anforderungen aus ihrer jeweiligen fachlichen bzw. disziplinären Perspektive miteinander diskutieren konnten.
Ergebnisse und Reflexion
Die eingeplante Zeit von 1,5 Stunden reichte nicht aus für die intensiven Gespräche. Dennoch waren die Teilnehmenden sehr zufrieden über diese Austauschmöglichkeit vor Ort und in Präsenz. Die Möglichkeit, sich einmal so intensiv und konzentriert aus ihren verschiedenen disziplinären und partnerspezifischen Perspektiven auszutauschen, führte nicht nur zu mehr Verständnis hinsichtlich der jeweiligen Ziele, Interessen und damit verbundenen Arbeitsschritten und Vorgehensweisen, sondern hatte auch eine emotionale Komponente. Das methodisch bedingte Zuhören-„Müssen“ führte zu einer besseren Qualität des Zuhörens und Verstehens, als es in den gewohnten Projektmeetings der Fall war. Der Austausch wurde als ein tatsächliches Miteinander-im-Gespräch-Sein erlebt.
Als Ergebnis dieser Erfahrung wurde von dem Konsortialprojekt ein regelmäßiger Jour Fixe Termin vereinbart, um diesen Austausch fortzuführen und zu verstetigen.
Das ursprüngliche Ziel des Angebots „World Café während eines Konsortialtreffens“ als Dialog-Format des Konsortialprojekts mit der Begleitforschung zeigte – als nicht intendiertes, aber wichtiges Ergebnis –, welcher Bedarf an gegenseitigem Austausch und Verständigung im Projekt selbst bestand. Offensichtlich war hierfür im Projektplan (zu) wenig Raum und Zeit vorgesehen. Durch das durchgeführte World-Café wurde deutlich, wie notwendig kommunikative Räume für ein gegenseitiges Verstehen sind. Das Gespräch in Präsenz ermöglichte ein gegenseitiges Verstehen, das über die reine Mitteilung von Informationen hinausging und ein Gefühl des Verstandenwerdens hervorrief. Ein solches „Verstehen“ ist eine wichtige Ressource, um sich über unterschiedliche Position zu verständigen und einen tragfähigen Kompromiss zu finden. Auf diese Weise können Interessenkonflikte begleitet, gesteuert und möglicherweise auch vermieden werden.
Schlussfolgerung
Interdisziplinarität benötigt Zeit und Räume, um zu entstehen, sich zu entfalten und zu wirken. Diese Räume und Zeiten müssen entweder durch das Projekt oder aber auch durch das Begleitforschungsprojekt initiiert und geschaffen werden – und im besten Fall bei der Konzeption schon Eingang in den Arbeitsplan finden.
Weitere Praxisbeispiele
Diese Praxisbeispiele könnten dich ebenfalls interessieren: