Praxisbeispiel
Niedrigschwellige Aktivierung von Projektpartner\*innen mittels Schrottwichteln
- Tim Weiler
7.1.2025
Schrottwichteln wird als partizipatives Instrument zur niedrigschwelligen Beteiligung von Online-Teilnehmenden in Kooperationssettings eingesetzt. Vermeintlicher „Schrott“ aus der einen Perspektive soll durch Reflexion aus einer anderen Perspektive einen neuen Sinn erhalten. Das kreative Format hat das Potenzial, Austausch zu fördern, Perspektivwechsel zu ermöglichen und Gemeinschaften zu stärken. Es zeigt, wie aus vermeintlichem „Schrott“ neue, kreative Ansätze entstehen können – mit Spaß und ohne Barrieren.
Gemeinsam mit Expert*innen aus den Bereichen Co-Creation, Gesundheit, Gerontologie und Pflege widmet sich das Begleitforschungs-Projekt CoCre-HIT der Anwendung von Co-Creation-Methoden in der Entwicklung von Technologien im Kontext der gesundheitlichen Versorgung. Besonders im Bereich Digital Health sind Co-Creation-Prozesse von grundlegender Bedeutung, um eine menschzentrierte Gestaltung von Technologien und Dienstleistungen zu ermöglichen. Das CoCre-HIT Konsortium möchte gemeinsam mit anderen Forschenden die Anwendung von Beteiligungsansätzen und Methoden der Co-Creation bei der Entwicklung hybrider Interaktionstechnologien im Gesundheits- und Pflegebereich fördern und kontextualisieren. Eines der zentralen Ziele der Begleitforschung ist es dabei, die Verbundprojekte der Förderlinie untereinander zu vernetzen.
Laufzeit 01.11.2021 bis 31.07.2025
Räumliches Setting Deutschlandweit. Im großen Maßstab.
Zielgruppe Mitarbeitende partizipativer Forschungsprojekte im Gesundheitswesen
Herausforderung
Für die letzte Online-Forschungswerkstatt im Rahmen des CoCre-HIT-Projektes suchten wir als Begleitforschungsprojekt nach einem Format, das die besondere Atmosphäre der Adventszeit aufgreift und gleichzeitig eine positive, verbindende Erfahrung für die Teilnehmenden schafft.
Die Herausforderung bestand darin, klassische Teambuilding-Elemente – die oft an Präsenzformate gebunden sind – in ein digitales Setting zu übertragen. Gleichzeitig wollten wir gezielt jene aktivieren, die in interdisziplinären Kooperationen häufig nur wenig Redeanteile haben, während andere die Diskussionen dominieren.
Vorgehensweise
Aus diesen Überlegungen heraus entwickelten wir das Format Partizipations-Schrottwichteln – ein spielerischer, interaktiver Zugang zu einem Erfahrungsaustausch im digitalen Raum.
Die Idee: Alle Teilnehmenden reichten im Vorfeld anonym „Schrott“ aus ihren Projekten ein – also frustrierende Erfahrungen, Hindernisse oder gescheiterte Ansätze. Diese Einreichungen wurden gesammelt, anonymisiert und auf einem weihnachtlich gestalteten Miro-Board visualisiert.
Im Workshop erhielten die Teilnehmenden per Zufall jeweils einen dieser „Schrott“-Beiträge zugelost – jedoch nicht ihren eigenen. Ihre Aufgabe war es, den Beitrag aus neuen Blickwinkeln zu betrachten:
- Was lässt sich daraus lernen?
- Welche Potenziale könnten in diesem Problem stecken?
Ergebnisse und Reflexion
Der Ansatz, schlechte Erfahrungen in etwas Gutes zu transformieren sowie die weihnachtlich-informelle Atmosphäre hat es ermöglicht, die Stimmung in Online-Meetings aufzulockern und ermutigte jede*n Teilnehmer*in zu Wort zu kommen. Potenzielle Hemmschwellen konnten durch die Anonymisierung des „Schrotts“ gesenkt werden, sodass für Workshopteilnehmende ein sicherer Kommunikationsraum eröffnet wurde, offen über Projekthindernisse zu sprechen, ohne sich selbst angreifbar zu machen.
Der kreative Perspektivwechsel – den „Schrott“ einer anderen Person zu deuten – eröffnete neue Sichtweisen auf bestehende Probleme. Herausforderungen wie etwa überbordende Bürokratie wurden so in unserem Fall nicht nur als Belastung, sondern auch als Lern- und Prüfstellen innerhalb der Projektarbeit empfunden.
Das "Partizipations-Schrottwichteln" zeigt eine niedrigschwellige und spielerische Möglichkeit, Teilnehmende in digitalen Settings zu Wort kommen zu lassen. Es fördert nicht nur Beteiligung, sondern kann Räume zur gemeinsamen Reflexion schaffen – ein wichtiger Teilaspekt für erfolgreiche interdisziplinäre Kooperation.
Trotz unserer positiven Erfahrungen ist das Format in seiner jetzigen Form stark an den saisonalen Kontext (Advent/Wichteln) gebunden. Für die Übertragung in andere Settings sind kreative Alternativen notwendig – etwa mit anderen kulturellen oder thematischen und saisonalen Bezugspunkten. Wichtig ist dabei nicht das konkrete Thema, sondern das Prinzip: Ein sicherer, kreativer Raum, der Perspektivwechsel (von negativ zu positiv) und Erfahrungsaustausch ermöglicht.
Schlussfolgerung
Aus schlechten Eigenschaften etwas Gutes zu machen, kann sich auf die Stimmung im kooperativen Setting auswirken. Durch die Planung des Schrottwichtelns wurde jede*r auf spielerische und niedrigschwellige Art herausgefordert, sich zu beteiligen.
Wissenstransfer entsteht dort, wo Menschen sich gesehen, gehört und sicher fühlen. Wer Vielfalt aktivieren will, muss auch Vielfalt im methodischen Zugang zulassen – und dabei auch ungewöhnliche Wege gehen. In unserem Fall war das Schrottwichteln ideal für die Vorweihnachtszeit – andere Projekte könnten jedoch durch saisonale oder kulturell relevante Alternativen ähnlich profitieren. Für zukünftige Projekte empfehlen wir, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, bekannte Konzepte kreativ zu adaptieren.
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