CoCre-HIT Kompendium

Praxisbeispiel

Der Einfluss unterschiedlicher Rollen (Positionalities) in der partizipativen Forschung

  • Tim Weiler,
  • David Struzek

30.6.2025
Praxisbeispiel-Grafik

Die Rollen und das Rollenverständnis der verschiedenen Akteur*innen in einem Forschungsprojekt sind sehr unterschiedlich und können sich im Verlauf des Projektes verändern. Entgegen der ursprünglichen Erwartung zeigten Senior*innen in unserem beispielhaften partizipatorischen Prozess Eigenverantwortung und Lösungskompetenz. Die Forscher*innen erkannten demgegenüber ihre eigene Vulnerabilität im digitalen Kontext. Die Reflexion unterschiedlicher Rollen und der damit verbundenen Rollenerwartungen (Positionalities) ist ein Schlüssel zu verbesserter Zusammenarbeit und besseren Forschungsergebnissen.

Herausforderung

Die geplante Zusammenarbeit mit älteren Co-Forschenden, zur Untersuchung der Nutzung digitaler Tools im Alltag, sollte ursprünglich in Form regelmäßiger Workshops vor Ort stattfinden – teils an der Universität, teils in wohnortnahen Gemeinschaftszentren. Kurz nach Projektbeginn verhinderte jedoch die COVID-19-Pandemie und der erste Lockdown jegliche persönliche Treffen. Die Vulnerabilität von älteren Menschen wurde zunehmend durch die Medien aufgebauscht, sodass unsere Sorge zunächst dem Wohlbefinden und der Sicherheit der älteren Projektteilnehmenden galt. Die Technikentwicklung rückte für uns zunächst in den Hintergrund. Die ersten Telefonkontakte waren deshalb nicht in erster Linie forschend, sondern fürsorglich: „Wie geht es Ihnen gerade?“ stand am Anfang vieler Gespräche.

Aufgrund der Unmöglichkeit von Präsenz-Treffen musste die geplante partizipative Zusammenarbeit ins Digitale verlegt werden. Dies verursachte Unsicherheiten bei den Forschenden, da Erfahrungen im Umgang mit diesen Formaten fehlten und sie befürchteten, dass die Co-Forschenden die digitalen Tools nicht nutzen können oder wollen.

Vorgehensweise

Um Bedarfe, Interessen und mögliche Belastungserfahrungen besser zu erfassen, führten die Forschenden zunächst telefonische Interviews. Parallel dazu begannen technische Tests mit Tools wie Jitsi, Skype und Zoom – häufig begleitet von Störungen und Schwierigkeiten, die den Gesprächsfluss beeinträchtigten. Dennoch entstanden im Laufe der Zeit digitale Routinen: In Online-Workshops lernten ältere Teilnehmende und Forschende gemeinsam mit und über die Technik. Kommunikation über den Instant Messenger- Dienst Telegram sowieTelefonate ergänzten die digitale Kommunikation. Wichtig war eine kontinuierliche, persönliche Unterstützung – oft im Zusammenspiel mit Angehörigen, die punktuell beim technischen Setup halfen. Der begleitende Support beschränkte sich dabei nicht auf technische Hilfe, sondern galt auch der Beziehung und dem Wohlbefinden der Älteren Teilnehmenden.

Ergebnisse und Reflexion

Die älteren Co-Forschenden reagierten unterschiedlich auf die neue Situation und die digitalen Formate. Einige lehnten eine Teilnahme ab oder äußerten Bedenken, andere zeigten sich offen und neugierig. Dies verweist darauf, dass die Annahme, ältere Menschen seien automatisch „digital vulnerable“ und die Forschenden hätten die geänderte Vorgehensweise „im Griff“ nicht zutrifft: Während die Forschenden vor allem Hürden sahen, begegneten einige der älteren Teilnehmenden den Umständen pragmatisch oder gar optimistisch – und brachten eigene Lösungsvorschläge ein.

Die erwartete Vulnerabilität der älteren Teilnehmenden im Umgang mit dem Lockdown-Alltag sowie auch mit digitalen Technologien als eine Bewältigungsstrategie bestätigte sich also nur teilweise. Vielmehr zeigten einige der Teilnehmenden eine bemerkenswerte Resilienz – sie wollten sich einbringen, gestalteten aktiv mit und übernahmen Verantwortung für den weiteren Projektverlauf.

Die tatsächliche Unsicherheit lag aufseiten der Forschenden: Der Kontrollverlust durch den Wegfall etablierter Methoden, die Herausforderung digitaler Moderation und die Sorge, Teilnehmende zu verlieren, führten zu einem Hinterfragen der eigenen (Macht )Position im Forschungsprozess.

Diese Rollenverschiebung offenbarte sich besonders deutlich in Momenten, in denen ältere Co-Forschende pragmatische Lösungen entwickelten oder technische Schwierigkeiten humorvoll aufnahmen, während sich die Forschende um den Erhalt methodischer Standards bemühten. „Vulnerabilität“ im Sinne einer Alterszuschreibung wurde dadurch brüchig. Stattdessen zeigten sich viele Co-Forschenden von der Pandemie unbeeindruckt und äußerten eher Sorge um das Wohlbefinden der Forschenden.

Die Arbeit mit älteren Co-Forschenden während der Pandemie zeigte: Technische Vulnerabilität ist kein statisches Merkmal, das bestimmten Gruppen zugeschrieben werden kann – sie ist relational, individuell, kontextabhängig und wechselseitig. Die Reflexion dieser positionalen Unterschiede – etwa zwischen Expert*innenwissen und Alltagspraxis, zwischen Kontrolle und Vertrauen – erwies sich als zentraler Moment für eine glaubwürdige, partizipative Zusammenarbeit. Sie machte sichtbar, dass partizipative Forschung nicht nur methodisch, sondern auch relational herausfordernd ist.

Schlussfolgerung

Die Reflexion der eigenen Positionalität – also der Frage, wie man selbst im Forschungsprozess verortet ist – ist entscheidend für die Qualität und Integrität des eigenen Vorgehens. Sie ermöglicht eine Auseinandersetzung mit stereotypen Annahmen und trägt potenziell zu einem offeneren und gleichberechtigteren Forschungssetting bei.

Partizipative Forschung mit älteren Menschen braucht deshalb nicht nur barrierearme Technik und kreative Formate – sie braucht vor allem die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Die unterstützt und ermöglicht ein Miteinander, das nicht paternalistisch, sondern kooperativ ist.

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