Praxisbeispiel
Autoethnographische Erkundungen von robotischen Systemen in der Pflege durch Mitarbeitende des Sozialdienstes
- Tim Weiler,
- Richard Paluch
23.6.2025
Um Betreuungskräften von Menschen mit Demenz einen Explorationsraum zu eröffnen, um den Umgang mit robotischen Systemen auszuprobieren und zu reflektieren, wurden einfache, marktverfügbare Roboterkatzen und -hunde genutzt.
Dabei wurde ein autoethnographisches Forschungsdesign auf der Grundlage partizipativer Methoden verwendet, um die Perspektiven von Betreuungskräften und Bewohnerinnen auf den Umgang mit Roboterkatzen und -hunden zu erfassen. Über Instant-Messenger-Kanäle, über die das Pflegepersonal als Co-Forschende ihre Video-, Foto- und Textmaterialien an die Forschenden schickten, wurde ein Raum geschaffen, der das gegenseitige Lernen und die gegenseitige Erkundung zwischen den verschiedenen Interessensgruppen förderte. Die Perspektive der Bewohnerinnen konnte erfasst werden, indem die Betreuungskräfte sie einluden, die robotischen Haustiere zu verwenden und sich gegenseitig darüber auszutauschen.
Das Projekt untersucht und entwickelt gemeinsam soziotechnische Infrastrukturen, die die Autonomie älterer Menschen in der digitalisierten Welt fördern.
Laufzeit 2016 bis 2027
Räumliches Setting Der Fokus liegt auf Deutschland und Japan mit einem Schwerpunkt auf der kommunalen Pflege.
Zielgruppe Ältere Menschen, deren Angehörige, ehrenamtlich Tätige sowie professionelle Kräfte in Pflege und Medizin
Herausforderung
Im Rahmen der partizipativen Forschung wurden einige Herausforderungen deutlich, die sich aus dem Einsatz robotischer Tiere im Pflegekontext ergaben. Ein entscheidender Aspekt war die ambivalente Reaktion der Betreuungskräfte. Einige Co-Forschende begegneten den robotischen Tieren mit Neugier und emotionaler Offenheit, während andere sie vor dem Hintergrund ihrer professionellen Pflegepraxis kritisch sahen. In der Diskussion wurde beispielsweise die Frage aufgeworfen, ob die Bewohnerinnen nicht getäuscht würden, wenn robotische Tiere eingesetzt würden, selbst wenn man darauf eingehe, dass es sich um technische Artefakte handelt. Einige der Bewohnerinnen äußerten zudem die Überlegung, ob die Tiere nicht eher für Kinder konzipiert sind. Dies veranschaulicht, dass die Artefakte im Spannungsfeld zwischen spielerischer Verwendung und pflegerischer Relevanz verortet wurden. Die autoethnographische Herangehensweise stellt dabei eine weitere Herausforderung dar. Die Betreuungskräfte waren in die Forschung integriert und dokumentierten ihre Erfahrungen eigenständig. Diese Form der partizipativen Forschung erfordert nicht nur Reflexionsfähigkeit, sondern ist auch mit einem praktischen Aufwand in Form von Extraarbeit im Pflegealltag verbunden. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund begrenzter zeitlicher und personeller Ressourcen von Relevanz.
Vorgehensweise
Für die praktische Umsetzung wurden autoethnographische Ansätze verwendet, da die Forschenden aufgrund der Covid-19 Pandemie nicht selbst vor Ort sein konnten. Da das Pflege- und Betreuungspersonal sehr daran interessiert war, die robotischen Tiere auszuprobieren, wurden nach Rücksprache zwei robotische Katzen und zwei Hunde an das Heim übergeben. Jedem Roboterhaustier wurde ein Smartphone zugewiesen. In Absprache mit den Co-Forschenden der Pflegeeinrichtung wurden die Smartphones verwendet, um Fotos und Videos von Nutzungssituationen aufzunehmen. Die Co-Forschenden wurden darüber hinaus gebeten, Gespräche mit den Bewohner*innen über die robotischen Tiere zu führen und aufzuzeichnen. Zusätzlich zur Erfassung visueller Daten wurden das Betreuungspersonal gebeten, schriftliche Notizen zu machen oder Sprachnachrichten aufzunehmen. So haben einige Betreuungskräfte ihre Gedanken auch in einer Art Tagebuch festgehalten, welches gemeinsam diskutiert wurde.
Um den Forschenden und den Co-Forschenden Orientierungshilfen zu geben, wurden Online-Sitzungen durchgeführt, in der die Arbeitspraxis sowie die Forschungsfrage und die Ziele der Studie besprochen wurden. Dieser Austausch half, ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Aspekte bei den Beobachtungen und Diskussionen im Vordergrund stehen sollten. Die Forschenden der Universität richteten auf allen Smartphones Instant-Messaging-Kanäle ein, über den Video-, Sprach- oder schriftlichen Materialien gesendet werden konnten. Über diesen Kanal konnten die Beteiligten in Kontakt bleiben und weitere Diskussionen anstoßen.
Ergebnisse und Reflexion
Im Rahmen des partizipativen Ansatzes dokumentierten die Betreuungskräfte ihre Interaktionen mit den Bewohnerinnen und den robotischen Tieren sowie ihre Eindrücke autoethnographisch in Form von Foto-, Video- und Textmaterial, das über Instant-Messenger-Kanäle mit dem Forschungsteam geteilt wurde. Dieser iterative Prozess ermöglichte es, flexible, alltagstaugliche Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Co-Forschenden entschieden selbst, welche Momente sie dokumentierten und welche Aspekte für die gemeinsame Reflexion und Technikgestaltung relevant waren. Durch diese kollaborative Herangehensweise konnten Co-Forschende in der Pflegeeinrichtung und Forschende zusammen überlegen, wie der Einsatz robotischen Tiere in der Pflege im Interesse der Pflegenden und Bewohnerinnen gestaltet werden könnte.
Die Verantwortung, die den Betreuungskräften übertragen wurde, war für sie teilweise herausfordernd. Sie fühlten sich unsicher und gaben an, dass sie für zukünftige Interaktionen mit Roboterhaustieren eine Schulung benötigen würden, um sichere Interaktionssituationen zu schaffen. Neben der Form und den Funktionen der robotischen Hunde und Katzen (z. B. können Bewohner*innen Angst vor Hunden haben), sind auch soziale Faktoren, wie bestehende Rollenverständnisse, organisationale Routinen und technikbezogene Haltungen zu berücksichtigen. Daher ist es bei einem zukünftigen praxisorientierten Ansatz zur (Weiter-)Entwicklung von technischen Artefakten wichtig, nicht nur die individuellen Einstellungen und Erfahrungen der Zielgruppen zu berücksichtigen, sondern auch institutionelle und didaktische Fragen, die in einer engen interdisziplinären Kooperation entwickelt werden müssen. Weiterhin muss die Forschung zur Technik für die Pflege in Fragen der Organisations- sowie auch in die Curriculumsentwicklung für Pflege und Betreuungsdienst eingebettet werden.
Die Forschung zur Mensch-Computer-Interaktion muss diese Prozesse berücksichtigen und kann mit ihrem Methodenrepertoire zur partizipativen und explorativen nutzerzentrierten Forschung dazu beitragen, interdisziplinäre Co-Learning-Räume zu öffnen und nachhaltig zu etablieren.
Schlussfolgerung
Die gemeinsame Erprobung robotischer Tiere eröffnete einen Lernraum, der den Austausch zwischen Betreuungskräften, Bewohner*innen und Forschenden förderte. Dies ermöglichte eine autoethnographische Erkundung und eine partizipative Auseinandersetzung der technischen Unterstützung im Pflegekontext. Dabei konnten die Beteiligten ihre Perspektiven und Alltagspraktiken aktiv austauschen und reflektieren.
Die autoethnographische Forschungsweise förderte eine spezifische Form der Aneignung von robotischen Systemen. Andere Forschungsprojekte, die robotische Tiere verwenden, sind stark vermittelt durch die Forschenden, die sich vor Ort in den Einrichtungen befinden. Aufgrund der Sicherheitsbestimmungen im Rahmen der COVID-19-Pandemie konnten die Forschenden in diesem Projekt nicht vor Ort sein, was eine alternative Form des Umgangs mit den robotischen Artefakten und der Reflexion darüber erforderte. Die Betreuungskräfte haben überwiegend selbstbestimmt die Datenerhebung übernommen und entschieden, wie die robotischen Hunde und Katzen in die eigenen Pflegepraktiken zielführend integriert werden können. Die gewonnenen Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung partizipativer, autoethnographischer Forschungsansätze für die Erschließung neuer Perspektiven hinsichtlich des Einsatzes assistiver Technologien in der Pflege. Zugleich verdeutlichen sie das Potenzial dieser Ansätze für die Initiierung nachhaltiger Lern- und Gestaltungsprozesse zwischen Praxis und Forschung.
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